Wir sind gewerkschaftliche Zuspitzungen gewohnt. Die aktuelle Kampagne der NGG hat allerdings eine neue Qualität: Sie liefert Zahlen, die für die Gastronomie sprechen, und präsentiert sie anschließend als Beweis gegen die Gastronomie.
Das ist mutig. Überzeugend ist es nicht.
Die von der NGG veröffentlichte Untersuchung weist für Schleswig-Holstein folgende Preisentwicklung aus: 91,9 Prozent der untersuchten Preise blieben stabil. 7,3 Prozent wurden erhöht und 0,8 Prozent gesenkt.
Fast 92 Prozent stabile Preise werden von der NGG zum Skandal erklärt. Es gehört schon eine bemerkenswerte Portion Kreativität dazu, aus Preisstabilität ein Versagen zu kochen. Selbst unsere besten Küchenchefs würden sich an dieser Rezeptur vermutlich die Zähne ausbeißen.
Normalerweise folgt die Bewertung den Zahlen. Bei der NGG-Spitze scheint man sich für ein anderes Verfahren entschieden zu haben: Zuerst wird die gewünschte Schlagzeile festgelegt, anschließend dürfen die Zahlen versuchen, hinterherzukommen. Dieses Mal haben sie es nicht geschafft.
Jeder Gast kennt die tatsächliche Kostenentwicklung: aus dem Supermarkt, von der Tankstelle, aus der Heizkostenabrechnung oder von der nächsten Versicherungsrechnung. Lebensmittel, Energie, Personal und Dienstleistungen sind teurer geworden.
Nur gastronomische Betriebe sollen nach Vorstellung der NGG offenbar höhere Löhne zahlen, alle übrigen Kostensteigerungen auffangen und gleichzeitig ihre Preise senken. Die dafür benötigte Gelddruckmaschine wurde in Schleswig-Holsteins Küchen bislang nicht entdeckt. Sollte die NGG über ein funktionsfähiges Modell verfügen, nehmen wir Hersteller und Liefertermin gerne entgegen.
Die sieben Prozent Mehrwertsteuer waren kein Rabattcoupon und kein staatlich verordnetes Sonderangebot. Sie sollten Betriebe stabilisieren, Arbeitsplätze sichern und weitere Preissteigerungen begrenzen.
Wenn unter diesen Bedingungen fast 92 Prozent der untersuchten Preise stabil bleiben, ist genau diese Wirkung eingetreten. Die NGG widerlegt damit nicht die Mehrwertsteuersenkung, sondern vor allem ihre eigene Behauptung.
Auch beim Thema Arbeitsbedingungen wirkt die Darstellung der NGG, als sei das Jahr 1910 versehentlich noch nicht beendet worden: hier die angeblich wehrlosen Beschäftigten, dort Unternehmer, die mit Stoppuhr und Trillerpfeife darauf warten, dass endlich wieder Nieten geklopft werden.
Wir leben im Jahr 2026. Unsere Beschäftigten sind qualifizierte, selbstbewusste Menschen. Und unsere Unternehmer wissen sehr genau, dass ein Betrieb ohne engagierte und zufriedene Mitarbeiter weder wirtschaftlich erfolgreich sein noch ein guter Gastgeber sein kann.
Natürlich gibt es Belastungen und Verbesserungsbedarf. Darüber sprechen wir offen. Auch die Untersuchung der FH Westküste zur Arbeitszufriedenheit im Tourismus in Schleswig-Holstein benennt diese Herausforderungen, zeichnet aber zugleich ein erheblich differenzierteres und insgesamt positiveres Bild. Wissenschaft kann mit mehreren Wahrheiten gleichzeitig umgehen. Gewerkschaftliche Kampagnen haben es damit offenbar etwas schwerer.
Andreas Tedsen, Hauptgeschäftsführer des DEHOGA Schleswig-Holstein, erklärt:
„Wir sind fassungslos, mit welcher Realitätsferne die NGG-Spitze hier auftritt. Sie fordert höhere Löhne, ignoriert steigende Betriebskosten und erklärt gleichzeitig stabile Preise zum Skandal. Drei Forderungen ergeben aber noch kein Geschäftsmodell.
Fast 92 Prozent stabile Preise sind angesichts der allgemeinen Kostenentwicklung ein bemerkenswertes Ergebnis. Die NGG liefert selbst den Beweis für die Wirkung der sieben Prozent und behauptet anschließend das Gegenteil. Vielleicht war die Hoffnung, dass niemand bis zur Tabelle weiterliest.
Mit genau dieser NGG sollen wir uns anschließend an einen Tisch setzen und gemeinsam verantwortungsvolle Tarifergebnisse erzielen. Dafür braucht es Respekt, Verlässlichkeit und einen gemeinsamen Blick auf die wirtschaftliche Realität. Wer aber die eigenen Zahlen ignoriert und unsere Branche mit Bildern aus dem Jahr 1910 beschreibt, macht es außerordentlich schwer, ihn als ernsthaften und lösungsorientierten Verhandlungspartner wahrzunehmen.
Pressekonferenzen erwirtschaften keine Löhne. Empörung bezahlt keine Energierechnungen. Und ein besonders entschlossener Gesichtsausdruck ersetzt noch immer keinen Taschenrechner.“
Wir respektieren die wichtige Aufgabe einer Gewerkschaft und die Arbeit ihrer engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gerade deshalb erwarten wir von ihrer Spitze mehr als eine Kampagne, die argumentativ auf die eigene Harke tritt und sich anschließend über den Stiel beschwert.
Die NGG wollte die Gastronomie bloßstellen. Am Ende hat sie vor allem gezeigt, dass man eine Studie nicht nur bestellen und vorstellen, sondern gelegentlich auch lesen sollte.
Quellen: NGG/wmp consult, Regionalisierte Preisentwicklung von Speisen nach Mehrwertsteuersenkung in der Gastronomie; Deutsches Institut für Tourismusforschung der FH Westküste, Arbeitszufriedenheit im Tourismus Schleswig-Holstein 2025.